STUTTGART. Unkenrufe und allenfalls gedämpfter Optimismus. Das ist in den meisten Branchen zu vernehmen. Dabei waren die Anzeichen für die wirtschaftliche Durststrecke überall sichtbar. Zudem klagen viele Arbeitgeber über einen Mangel an Fachkräften und Führungsnachwuchs. Eine fatale Entwicklung, zumal gutes Personal für die wirtschaftliche Entwicklung eines Unternehmens essentiell ist. Wer demnach als Chef morgen noch erfolgreich sein will, muss heute nicht nur in sein Hotel oder Restaurant investieren, sondern vor allem in Menschen – seine Mitarbeiter.
Talente fördern
Vor diesem Hintergrund ist antizyklische Personalentwicklung besonders gefragt: Nicht Personalabbau und Gehaltskürzungen sind das Gebot der Stunde, sondern die Förderung der Talente in den eigenen Reihen. Wenn der Markt schon nicht die richtigen Mitarbeiter hergibt, dann muss alles unternommen werden, um das vorhandene Team zu binden und zur Spitzenleistung zu führen. Wichtigste Voraussetzung dafür ist es, die wahren Potenziale der Mitarbeiter zu erkennen und zu aktivieren. Auf diese Weise können die Produktivität und damit das Ergebnis unterm Strich entscheidend verbessert werden.
Mitarbeiterpotenziale herauszufinden, das ist nicht immer leicht. Die Hilfe externer Experten bietet sich an. Eine Investition, die sich jedoch rechnet, setzt man die Kosten einer personellen Fehlbesetzung, einer zeitaufwändigen Suche nach neuen Mitarbeitern oder den Produktivitätsausfall durch Unterbesetzung eines Teams dagegen.
Ein langjähriger Klient fragte mich um Rat bei einer Personalentscheidung. Er wollte einer ehrgeizigen Nachwuchskraft die Personalverantwortung für ein Gastroteam mit mehreren Mitarbeitern übertragen, war sich aber nicht sicher, ob diese Person die Aufgabe packen würde. Wir führten eine so genannte Potenzialanalyse durch – ein objektives Beurteilungsverfahren, bei dem ohne pseudo-wissenschaftlichen Tamtam, sondern praxisnah, die vorhandenen Fähigkeiten, Stärken und Talente des Kandidaten überprüft und mit dem Anforderungsprofil verglichen werden. Das Ergebnis war für alle Beteiligten eine Überraschung. So stellten sich bei der jungen Dame Defizite im Führungsverhalten, in Gast-Orientierung und Kontaktfähigkeit heraus, die bisher durch die starke Persönlichkeit des vorgesetzten Hoteldirektors überdeckt worden waren. Stattdessen zeigten sich eindeutige Stärken in der analytischen Intelligenz, im Zahlenverständnis sowie im planerischen, strategisch-konzeptionellen Bereich. Schnell war klar: hier handelt es sich eher um eine Controllerin oder künftige Finanzdirektorin. Erleichterung auf allen Seiten machte sich im anschließenden Feedback-Gespräch breit. Die junge Dame nahm die Empfehlung für den neuen Karriereweg gerne an. Heute – inzwischen sind einige Jahre vergangen – steuert sie das Finanzressort einer großen Hotelgesellschaft.
Viele Vorteile
Das Beispiel ist kein Einzelfall. Eine Potenzialanalyse findet ihren sinnvollen Einsatz in der internen Personalentwicklung und Weiterbildung. Denn gerade in Zeiten, in denen die Budgets eng gesteckt sind, lohnt es sich, die Talente in den eigenen Reihen genauer unter die Lupe zu nehmen. Das Verfahren hat entscheidende Vorteile:
- Der Berater bietet je nach Position und Anforderungen verschiedene Bewertungsmethoden an.
- Die Potenzialanalyse läuft als partnerschaftlicher Dialog ab.
- Die Objektivität der Beurteilung durch den externen Experten ist sichergestellt.
- Es gibt keine Verlierer, die Kandidaten erleben vielmehr eine aufbauende interne „Karriereberatung“.
Fest steht: Ein Arbeitgeber, der seinen Mitarbeitern anbietet, gemeinsam mit dem neutralen Berater herauszufinden, was in ihnen steckt, setzt nicht zuletzt positive Signale nach innen und außen. Er zeigt, dass er seine Leute ernst nimmt, ihre Fähigkeiten entsprechend fördert und fair mit ihnen umgeht. Und das ist erfahrungsgemäß die beste Motivation für krisengeplagte Teams. In guten wie in schlechten Zeiten. Gabriele v. Bonin
Die Autorin ist Geschäftsführerin der Von Bonin Personalberatung, Gelnhausen
